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4 Gründe warum Businesspläne überflüssig sind

Businesspläne sind nach wie vor ein beliebtes Planungsinstrument und aus der klassischen Existenzgründerberatung (leider) nicht wegzudenken. Laut dem Google Keywordtool gibt es alleine in Deutschland 165.000 Suchanfragen für das Wort „Businessplan„. Das läßt darauf schließen, dass offenbar viele Existenzgründer sich mit dem Schreiben eines Businessplans auseinandersetzen. Was auch kein Wunder ist, da ihnen von vielen Gründungsberatern immer und immer wieder die Wichtigkeit des Businessplans vorgebetet wird. Aber ist er das wirklich oder sollten die Befürworter des Businessplans anfangen umzudenken? „Steve Blank“ No businessplan survives the first contact to customer.

Bevor ich auf die Gründe eingehe warum ich Businesspläne in den meisten Fällen für überflüssig halte, möchte ich aus meiner eigenen Erfahrung diesbezüglich berichten. Wer daran nicht interessiert ist kann direkt zu nächsten Überschrift springen.

Meine Erfahrung

Auch ich habe in der Vergangenheit schon den ein oder andern Businessplan geschrieben. Der wohl wichtigste und umfangreichste Businessplan den ich mit meinen Partnern im Jahre 2003 geschrieben habe, hätte uns sogar eine Finanzierung von 10.000.000 US$ verschafft. Nein, ich habe mich nicht vertippt, es ging um eine Menge Geld. Es haben dabei auch persönliche Beziehungen eine große Rolle gespielt, aber ich denke es ist jedem klar, dass Beziehungen alleine für so eine Summe nicht ausreichen. Um ehrlich zu sein, war ich aber schon damals mehr als erstaunt, dass ein Businessplan die Grundlage dafür sein sollte. Wie kann ein Plan, der auf Annahmen beruht die zu einem Zeitpunkt X getroffen wurden, ernsthaft für sich beanspruchen, für drei, vier oder auch fünf Jahre in die Zukunft blicken zu können?

Es ging damals um den Neubau eines Eventcenters auf einem 11.000 m² großen Grundstück zwischen Köln und Bonn. Wir haben ca. ein Jahr und 25.000 Euro in Marktforschung, Planung und Erstellung des Businessplans sowie Steuerberater/Wirtschaftsprüfer und Architekten investiert. Mündlich wurde uns zu diesem Zeitpunkt schon signalisiert, dass es mit der Finanzierung kein Problem sein wird wenn die Zahlen gut aussehen. Wir haben also auf Grundlage der Marktforschungsdaten, der Einschätzung von Steuerberatern und unserer eigenen Annahmen den Businessplan erstellt und haben diesen von unserem Steuerberater auf Plausibilität prüfen lassen . Der hat uns dann auch eine entsprechende Rentabilität auf Grundlage der vorgelegten Zahlen bescheinigt hat.

Bereits da habe ich mich gefragt, wie kann der Mann uns sowas bescheinigen? Natürlich hatten die Zahlen eine gewissen Grundlage, aber letztlich waren es nur Annahmen, die mit der Realität nicht zwangsläufig übereinstimmen müssen.

Während der Planungsphase haben wir uns mit den Investoren schon einmal in London getroffen und haben dort mündlich die Rahmenbedingungen für den Finanzierungsvertrag besprochen. Nachdem dann alle Unterlagen erstellt und ins Englische übersetzt wurden, sind wir dann in die USA, um genau zu sein, nach Miami geflogen um dort den Vertrag zu unterschreiben. Drei Monate später wären die Bagger gerollt. Dazu ist es aber nie gekommen, da wir von dem vorgelegten Vertrag Abstand genommen haben. Es würde jetzt zu weit führen das hier alles in Einzelheiten zu erklären. Der Vertrag wich gravierend von dem ab was vorher mündlich besprochen wurde, besonders was die Fragen der Haftung anging. Zum Glück waren wir vernünftig genug das ganze Vorhaben damit zu beenden, auch wenn es uns sicher nicht leicht gefallen ist.

Ich weiß wie unser Businessplan entstanden ist. Bei aller Professionalität, fand ich es schon damals an den Haaren herbeigezogen wenn wir die Umsätze für das Jahr 3 nach der Gründung geplant haben. Wer zum Teufel weiß was in der Zwischenzeit passiert?

Aufgrund dieser Tatsache war ich damals selber nicht bereit das Risiko, dass der Finanzierungsvertrag mit sich brachte zu tragen. Für uns waren das schließlich bei weitem keine Peanuts um die es ging. Heute bin ich über diese Entscheidung sehr froh und habe in dem Jahr eine Menge wertvoller Erfahrungen sammeln können.

Nun sind wir aber im Jahr 2011 und abgesehen von meinen eigenen Erfahrungen gibt es viel handfestere Gründe warum ich Businesspläne für überflüssig halte.

Warum Businesspläne überflüssig sind

1. Niedrige Gründungskosten

Bis heute ist der Hauptgrund eines Businessplans der Bedarf an Fremdkapital. Wer darauf angewiesen ist kommt am Businessplan (noch) nicht vorbei. Viel wichtiger wäre in dem Zusammenhang das Geschäftsmodell, aber es wird sicher noch etwas dauern bis Banken, Investoren und Berater das realisiert haben.

Heute kann fast jeder ein Online Business mit minimalem Kapitaleinsatz starten. Es macht mehr Sinn ein paar Euro in eine vernünftige Webseite zu investieren (macht man es selber, sind die Kosten noch wesentlich geringer) und einfach zu starten, anstatt Wochen mit der Erstellung eines Businessplans zu verbringen um nach der Gründung festzustellen, dass man den gesamten Businessplan über den Haufen werfen kann, weil die Realität dann doch ganz anders aussieht. Die niedrigen Gründungskosten für internetbasierte Geschäftsmodelle erlauben eine Gründung ohne die Hilfe von Banken. Wenn man auf Fremdkapital verzichten kann braucht man auch keinen Businessplan. Bootstrapping heißt das Zauberwort.

2. Alternative Finanzierungsquellen

Nur die wenigsten, die ein Online-Business gründen wollen, werden es schaffen, Fremdkapital von Banken, Investoren oder Business-Angels zu bekommen. Wäre das die Voraussetzung für eine Gründung, würde es sehr viele Unternehmen garnicht geben. Die häufigste Finanzierungsquelle für Kleinunternehmer sind Eltern, Freunde oder der reiche Onkel. Die meisten von ihnen werden mit einem Businessplan inkl. umfangreichen Zahlenwerk wenig bis garnichts anfangen können. Will man sie von der eigenen Geschäftsidee überzeugen, so geht das in der Regel nur von Angesicht zu Angesicht und mit guten Argumenten.

Eine weitere Finanzierungsquelle, die immer beliebter wird, ist das sogenannte Crowdfunding. Wikipedia definiert Crowdfunding folgendermaßen:

Crowdfunding ist eine Art der Finanzierung, durch die sich Aktionen (Produkte, Projekte oder auch Geschäftsideen von Privatpersonen) mit Fremdkapital versorgen lassen. Als Kapitalgeber fungiert die anonyme Masse der Internetnutzer.

Eine Aktion ist durch eine Mindestkapitalmenge gekennzeichnet, die durch die Masse fremdfinanziert sein muss, bevor die Aktion startet. Im Verhältnis zur Mindestkapitalmenge leistet jedes Mitglied der Masse (Crowdfunder) nur einen geringen finanziellen Anteil.

Seit Oktober 2010 gibt es mit mySherpas und Startnext auch 2 deutschsprachige Crowdfunding-Plattformen. Die größte und bekannteste ist Kickstarter aus den USA.

Ob es nun die Eltern, Freunde, der reiche Onkel oder die Masse der Internet-User ist, ein Businessplan ist auch hier überflüssig. Die Idee muß überzeugen.

3. Die Zeit ist schneller.

Ein Businessplan beruht immer auf Annahmen. Die Annahmen wiederum beruhen auf Gegebenheiten, die zum Zeitpunkt der Erstellung herrschen. Nun leben wir aber in einer Zeit in der vieles im Wandel ist. Gerade im Internet und in der Technologiebranche begegnen wir fast schon täglich Neuerungen und Veränderungen. Mir ist noch niemand begegnet, der verlässlich in die Zukunft blicken kann. Ein Businessplan versucht aber genau das zu tun. Das Zahlenwerk bezieht sich in der Regel auf die kommenden 3-5 Jahre. Manchmal dauert es aber nichtmal 6 Monate, bis die zu Grunde gelegten Annahmen und Gegebenheiten überholt sind. Da frage ich mich, welchen Wert diese Zahlen überhaupt haben sollen? Alexander Osterwalder hat es im Interview schön ausgedrückt:

Ich glaube es realisieren auch immer mehr Unternehmer, aber auch Investoren, dass es keinen Sinn macht sich an einem Planungsdokument festzuhalten, in einer Welt, in der man nicht planen kann.

4. Den Businessplan liest niemand.

Ich habe es bisher noch nie erlebt, dass jemand einen Businessplan vollständig gelesen hat.  In der Regel sieht es so aus, dass Banker sich die Zusammenfassung durchlesen und einen Blick auf das Zahlenwerk werfen, um sich dann wieder bankinternen Zahlen sowie der Bonität zuzuwenden. Ich habe selbst mal in einer Bank gearbeitet und weiß, dass Banken Listen haben in denen jede Branche in Risikokategorien eingeordnet ist. Möchte man in der „falschen“ Branche gründen, so kann der Businessplan noch so sorgfältig erstellt sein, man wird dennoch keine Chance haben, es sei denn man kann entsprechende Sicherheiten oder Bürgschaften liefern. Abgesehen davon, ist die Zeit in der Banken und Investoren Internet-Gründern das Geld hinterherwerfen lange vorbei.

Fazit

Bevor jetzt die traditionellen Gründungsberater und Business-Gurus Sturm laufen, möchte ich eins festhalten. Es besteht ein Unterschied zwischen einem Businessplan und darin ein Unternehmen zu planen. Jeder Unternehmer sollte planen und natürlich kann ein Businessplan-Tool dabei auch hilfreich sein. Der Planungsprozess als solches ist für den Erfolg natürlich wichtig, sollte sich aber in Zukunft mehr auf das Geschäftsmodell konzentrieren. Darauf werde ich in einem der nächsten Artikel noch genauer eingehen. Bis dahin empfehle ich allen, die es noch nicht gelesen haben, das Interview mit Alexander Osterwalder über Geschäftsmodelle.

[image title=“Plancruncher“ size=“small“ align=“right“]http://ragazzigroup.de/wp-content/uploads/2011/03/plancruncher.jpg[/image]Der Businessplan als Dokument, so wie man ihn heute kennt, wird in meinen Augen im Laufe der Zeit verschwinden. Ein sehr schönes Tool, das den Businessplan auf einer Seite anschaulich zusammenfasst und visualisiert, ist der Plan Cruncher von Lunatec Ventures.

Ich würde an dieser Stelle gerne eine kleine Diskussion anstoßen. An die Gründer unter euch: War ein Businessplan ein essentiell notwendiges Instrument bei eurer Gründung oder habt ihr ohne Businessplan gegründet? Sehr gerne würde ich auch Stimmen von den Gründungsberatern hören die den Businessplan befürworten. Womit verteidigt ihr den Businessplan? Auch alle anderen sind natürlich herzlich eingeladen ihren Kommentar abzugeben.

Bild: Imagined Reality